Dem Bundesstaat Washington wird nachgesagt, dass er ziemlich “liberal” sei, zu mindestens nach amerikanischen Verhältnissen. Hier befinden sich auch der viele  “alternative” Enklaven. Der Bundesstaat ist genau genommen zweigeteilt: Auf der einen Seite der  “Cascades” (die Bergkette, die sich quer durch den Bundessaat Washington zieht) ist man liberal, dagegen auf der anderen Seite gibt es eine grosse Konzentration von Rechtsorientierten, wie man es sonst nicht im gesamten Bundesstaat kennt. Dies war erst deutlich bei den kürzlich abgehaltenen Halbzeitwahlen zu sehen. Diese finden jeweils  zwei Jahre vor/nach der Präsidentenwahl jedes vierte Jahr statt. Bei der Darstellung der Wahlergebnisse im Fernsehen konnte man klar erkennen, dass die eine Seite blau und die andere rot gefärbt war. In den USA steht rot für Republikaner und blau für Demokraten. In Dänemark ist es genau andersherum. Daran muss man sich erstmal gewöhnen!

Wie schon gesagt, ist man hier generell liberaler. Dafür sind die vielen “Alternativen” verantwortlich, die hier im nordwestlichen Teil der USA wohnen und uns wurde erklärt, dass diese Gesinnungshaltung nicht unbedingt repräsentativ für den Rest des Landes ist. Wie in jeder modernen Gesellschaft gibt es immer Menschen, die sich markant von anderen unterscheiden. Vielleicht gibt es hier einfach nur mehrere, als in Dänemark oder Deutschland. Mittlerweile haben wir auf unserer Reise so viel unterschiedliche Menschen gesehen, dass ein bisschen mehr dazu gehört, um uns zu imponieren.

Das guten an den USA ist, dass man hier anders sein kann! Hier wird keiner schräg angeschaut. Man rückt nicht von seinen “konstitutionellen Rechten” ab, seine verfassungsmässigen Rechte, die die Freiheit und das Recht, das zu tun, worauf am Lust hat, absichert. Na ja, bis zu einem gewissen Grad. Natürlich gibt es Grenzen, was in einer Gesellschaft erlaubt sein kann. Aber im Allgemeinen herrscht in den USA die Tendenz, dass der Staat sich so weit als möglich aus dem Leben der Bevölkerung heraushält. Zur Zufriedenheit der Bürger. Schliesslich kennt man es nicht anders. Hier in Washington darf man sogar Waffen tragen. Sogar offen! Ein wirklich seltsamer Anblick für uns als Europäer. Glücklicherweise gibt es nicht so viele und wir sind bis jetzt noch auf keinen gestossen.  Ob sie sie unter ihren Jacken tragen, ist eine ganz andere Sache. Das Waffengesetz auf dieser Seite der Welt ist sehr liberal.

Wir haben zum ersten Mal hier einen Nationalpark einen Besuch abgestattet. An einem sonnigen Sonntag führte uns unserer Trip zum Mount Rainier National Park. Der Frost lag dick und weiss auf den Bäumen und Feldern und die Sonne glänzte auf den schneebedeckten Berggipfeln. Wir fuhren auf einer kurvigen Bergstrasse, durch Nadelbaumwälder, über Brücken und an reissende Flüssen vorbei. Vorbei an Wasserfällen, kleinen gemütlichen Wirtschaften und einigen “Bed & Breakfast” Hütten. Es war alles einfach nur wunder-wunderschön und verglichen mit Neuseeland alles viel grösser. Schon dort war ich in jeder Hinsicht beeindruckt. Die Berge in Washington sind noch viel grösser und die Natur wirkt noch gewaltiger. Nicht so vielfältig, wie in Neuseeland, wo alles so einzigartig war. Aber trotzdem ist es hier ebenso imponierend. Je weiter wir den Berg nach oben fuhren, desto mehr Schnee lag auf den Strassen. Wir fuhren soweit wir durften, bis die Strasse für den normalen Verkehr gesperrt war. Hier verbrachten wir viel Zeit damit spazieren zu gehen, Schnellbälle zu werfen und einen Schneemann zu bauen. Wir hatten viel Spass, so wie viele der anderen Besucher an diesem Tag. Es gab sogar einige Skifahrer, obwohl dies nicht ein richtige Wintersportort ist. Die wenigen waren sehr gute Skifahrer und kamen den Berg herunter, der nicht so schien, als hätte er richtige Pisten. Viele waren auch mit ihren Schneeschuhen unterwegs.   

In Seattle waren wir mehrere Male. Es dauerte ca. eine Stunde Fahrt um zu einer Zugstation in der Nähe des Flughafens zu kommen und von dort dann in den lokalen Zug zu steigen für die restliche Strecke in die Innenstadt. Wir wollten nicht wirklich mit unserem Leihwagen bis in das Zentrum fahren. Die Amerikaner haben manchmal einen rasanten Fahrstil, der dem italienischen ähnelt und daher muss man sich die ganze Zeit ausserordentlich konzentrieren. Ausserdem wollte auch ich die Tour hin und zurück geniessen. Daher ist es mir als “Hauptfahrer” ganz recht, dass wir nicht allzu sehr in das Verkehrschaos hineinfuhren.  

Seattle ist eine wirklich interessante Stadt. Nicht nur, dass sie die Heimatstadt von Boeing, Microsoft und Starbucks ist, so gibt es hier den fanatischen “Pike Place Market”. Einen Markt an dem man alles nur erdenklich von Kunsthandwerk bis eine endlose Reihe an internationalen Essenspezialitäten kaufen kann. Wir sassen öfters beim Metzgermeister  Uli aus Süddeutschland, der hier einen gut besuchten Laden mit einem kleinen Restaurant führt. Der Markt ist ein wahres Füllhorn voll mit einer riesigen Auswahl an Obst, Gemüse und Blumen, sowohl als auch frisches Fleisch und Fische aller Art. Bestimmt nicht die billigste Stelle, aber garantiert eine der besten!

Genau gegenüber auf der anderen Strassenseite liegt auch das allererste Starbucks Café, das 1971 eröffnete. Es ist nicht ziemlich gross und davor ist immer eine sehr lange Schlange. Wir hatten keine Lust uns für die selbe Tasse Kaffee anzustellen, die wir auch in einem etwas neueren Starbucks gleich um die Ecke bekamen. Dort konnte man sich wenigstens gemütlich hinsetzen. Das war gut genug für uns und somit konnten wir einen weiteren Punkt auf unserer Liste abhacken. 

Wir wollten natürlich auch “The Space Needle” sehen, die zur Weltausstellung 1962 eröffnet worden ist. Damals war es das höchste Gebäude im westlichen Teil Amerikas. Heutzutage ist es nur noch das siebthöchste Gebäude in Seattle! Wir nahmen die futuristische Monorail Bahn, die ebenfalls aus dem Jahre 1962 ist, um dorthin zu gelangen. Mit ihren 51 Jahren auf den Rücken, muss man sagen, dass sie zeitlos ist. Natürlich ist sie restauriert und wird konstant in Stand gehalten, aber der ganze Komplex sieht noch immer sehr modern aus. Die Aussicht von oben ist nicht schlecht, aber wenn man schon mal auf dem Empire State Building und dem Rockefeller Center in New York, Baiyoke Tower in Bangkok und nicht zuletzt den Eureka Tower in Melbourne (übrigens das höchste Gebäude auf der südlichen Halbkugel) oben gestanden ist, ist es im Vergleich ein wenig langweilig. Speziell wenn man bedenkt, dass der Eintritt nicht ganz billig war. Aber es war ein grosses Erlebnis für Anton dort hinauf zu kommen und dann noch einen Zug zu nehmen - wer will dann geizig sein!

Seattle ist im Übrigen eine klassische amerikanische Stadt, die im Gittermuster aufgebaut ist. Die Strassen liegen alle im rechten Winkel zueinander und wenn man auf der einen Seite auf der Höhe eines Hügel in der Mitte des Stadtzentrums steht, kann man ganz bis an das Wasser zwischen den Wolkenkratzern hindurch sehen oder in der anderen Richtung in die Berge. Ich bin total begeistert von dieser Art von Stadtplanung. Es ist einfach so praktisch und egal, wo man in der Stadt ist, findet man sich leicht zu recht, da man sich einfach an der Nummer der Strasse richten und sich wieder orientieren kann. 

Und auf ein Neues bin ich davon fasziniert, wie man verschiedene Baustile so kombinieren kann, dass die klassische und moderne Architektur so miteinander harmoniert, dass ein spannendes Strassenbild entsteht. Da könnte Dänemark sich etwas abschauen. Das Stadtbild erhält somit eine ganz andere Dynamik, die nicht unbedingt falsch ist. Es können mehrere tausend Menschen in einem Wolkenkratzer arbeiten, wenn sich dann alle auf dem Weg zur Arbeit und wieder nach Hause, einen Spaziergang in der Mittagspause machen, entstehen dort in der unmittelbaren Umgebung eine Menge kleiner Geschäfte, Cafés und Restaurants. Es wurde schon durch einige Studien festgestellt, dass die Hochhäuser einen positiven Einfluss auf ihrer nähere Umgebung ausüben. So was prallt bei den Technik- und Umweltbürgermeistern der Kopenhagen Kommune total ab. 

Nicht weit von hier liegt das Kinderspielmuseum “Hands On Childrens Museum”, ein Schlaraffenland für Kinder zwischen 2-10 Jahren. Hier kann man beim Spielen gleichzeitig etwas lernen und das in allen verschiedenen “fachlichen” Richtungen. Es gibt eine kleine Tierklinik, ein Restaurant, eine Feuerwehrstation, ein Krankenhaus, ein Hafen mit kleinen Schiffen, eine Werkstatt für Handwerker und ein super ausgestattetes Bastelzimmer und so vieles mehr. Alles mit dem Hintergedanken Kinder an die verschiedenen Berufsrichtungen spielerisch heranzuführen. Und nach bestem amerikanisches Showbiz Stil gab es kein einziges Musikinstrument, aber dafür eine Bühne mit Konservenlachen und Klatschsalven, so das die Kleinen Vertrauen gewinnen aufzutreten, bevor sie überhaupt lernen Klavier zu spielen. Wir waren mit Anton ganze drei Mal in den zwei Wochen, die wir hier auf Besuch waren. Es vergeht die Zeit wie im Flug! Man kann sowohl drinnen und als auch draussen spielen und das auch noch über mehrere Etagen. Ein absoluter Traum!

Ein weiterer fesselnder Höhepunkt der etwas anderen Art war für uns alle drei das “LeMay America’s Car Museum” in Tacoma. Eine fantastisches Ausstellung mit hunderten von alten restaurierten Oldtimern aus der Zeit als USA eine junge Autonation war. Aber auch neuere Modele aus der heutigen Zeit wurden ausgestellt. Wir sahen viele alte Klassiker und Anton ging auf die Suche nach seinen Freunden aus dem Zeichentrickfilm “Cars”. Viele der Figuren sind inspiriert von alten amerikanischen Autos. Es gab leider dazu keine spezielle Ausstellung, aber man konnte bei einigen Autos erkennen, dass sie dazu die Inspirationsquelle waren. Die Ähnlichkeit war nicht zu übersehen. Das war echt lustig! Das Museum wurde erst 2012 eröffnet und ist interessant aufgebaut. Wir verbrachten hier viel Zeit und wir können uns gut vorstellen hierher wieder zu kommen. 

Jedes Mal, wenn wir in der Gegend unterwegs sind, können wir den Mount Rainier sehen, den höchsten Berg in Washington. Er ist so gross und hoch, dass er mir fast allgegenwärtig vorkommt. Wie eine imposante, einsame Majestät steht er dort bedeckt mit Schnee und ändert seine Farbe ganz nachdem, wie die Sonne steht und welche Farbe der Himmel hat. Ich muss mich oft selber daran erinnern nicht zu lange dorthin zu starren, vor allem wenn man sich gleichzeitig auf das Autofahren konzentrieren soll. Es liegt etwas faszinierend, ja fast etwas verführerisches, über diesen Berg. 

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/Anders

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