Sechs Monate sind wir jetzt schon unterwegs! Zeit das erste Resume zu ziehen. Gedanken machen, was wir tatsächlich gelernt haben, was wir gut finden und was wir vielleicht nicht mehr so machen würden. Jetzt sind wir wirklich in der Lage mitreden zu können, wenn es um die Vor- und Nachteile einer langen Reise als Familie geht. 

Für viele ist es verständlicherweise interessant herauszufinden, wie es uns mit einem Kleinkind auf Reisen ergeht. Viele finden es fantastisch, dass wir es machen, aber es gibt auch viele, die es einfach nicht verstehen können. Selbstverständlich gibt es auch Nachteile. 

Anton hat sich unwahrscheinlich seit Beginn unserer Reise entwickelt. Er redet gerne über die Sachen, die er erlebt. Er weiss eine Menge über Tiere und Geographie, vielleicht mehr als jeder andere Dreijährige. Sowas lernt man normalerweise erst später in der Schule. Er spricht fliessend dänisch und deutsch und versteht alles, was zu ihm in englisch gesagt wird. Er kann schon ein bisschen auf englisch antworten. Nur einige wenige Sätze. Er legt sehr viel Wert auf einen geordneten Tagesablauf und seine täglichen Routinen, an die wir uns auch sehr streng halten. Zähneputzen, Gesicht waschen und alle die normalen Abläufe, die zu einer Abendroutine gehören. Er ist auch immer der Erste, der in der Früh nachfragt, um wir nicht bald frühstücken sollen. Er macht auch immer selber (mit mehr oder weniger Aufstand) die Musik oder den iPad aus, wenn er schlafen soll. In mancher Hinsicht ist er vielleicht weiter als ein Gleichaltriger. 

In anderer Hinsicht hinkt er dann aber hinterher, wie z.B. dass er immer noch Windeln trägt. Es liegt auch ein bisschen an uns, da wir nicht so wirklich konsequent sind. Es ist auch nicht leicht, wenn man sich auf Campingplätzen befindet, an denen die Toiletten entweder nicht so sauber oder sehr kalt sind. Manchmal fahren wir auch einige Stunden. Beide Faktoren haben bewirkt, dass wir es praktischer finden, dass er noch in Windeln ist. Wenn er noch immer seinen gewohnten Tagesablauf daheim in seiner Kinderkrippe auf Islands Brygge in Kopenhagen haben würde, wäre er schon längst ohne Windeln.  

Manchmal stellt unser kleiner Prinzensohn unsere Geduld sehr auf die Probe. Er verhält sich wie ein ganz normaler Dreijähriger. Macht genau das, was er nicht machen soll. Er braucht unheimlich lange zum Essen und isst dann nicht unbedingt manierlich. Es dauert nicht mehr als zwei Minuten und schon ist seine Kleidung dreckig und innerhalb von fünf Minuten gibt es ein neues Loch in seinen Hosen. Manchmal führt er sich total unmöglich auf, ohne dass wir wissen warum. Gerade in solchen Situationen wäre es schön, wenn wir uns mit Freunden und Familie austauschen könnten, um uns Rat zu holen. Oder ein Erzieher im Kindergarten. Ist er normal? Was machen andere? Usw. Aber im Grossen und Ganzen läuft alles viel, viel besser, als wir es erwartet haben und wir merken, dass Anton dieses Leben gefällt. Uns würden es bestimmt auffallen, wenn es nicht so wäre. 

Mit all den modernen Equipment, das wir haben, ist es relativ leicht in Kontakt mit Familie und Freunden zu bleiben. Wir können uns über die grösseren Probleme austauschen und Rat zu suchen. Aber aufgrund des Zeitunterschiedes ist es nicht immer einfach sofort eine Antwort zu erhalten. Wie z.B. gerade jetzt, wenn wir in Neuseeland mit einem Zeitunterschied von elf Stunden sind. 

Der Kontakt mit Freunden und Familie leidet natürlich auch ein bisschen, wenn man sich auf der anderen Seite der Welt befindet. Wir kommunizieren über unsere Webseite und teilen die grossen und kleinen Erlebnisse über Facebook und Twitter mit. Wir wissen, dass uns viele in dem Umfang folgen, den sie Zeit und Lust haben. Leider kommt nicht so viel aus der anderen Richtung. Darüber wollen wir uns überhaupt nicht beklagen. Wir wissen aus eigener Erfahrung, wie es ist, wenn man aus seinem gewohnten Umfeld weg ist. Wir haben beide im Ausland gelebt und kennen es, wenn bei seinen Freunden und Bekannten daheim der Alltag weitergeht. Bei uns ist es nicht anders: Der Alltag saugt einen auf und man schafft es einfach nicht, schnell mal zu schreiben, oder anzurufen. Es liegt daher am Reisenden die Initiative zu ergreifen, um den Kontakt aufrecht zuhalten. Die Male, die wir über Skype anrufen, war immer der erste Satz: “Ach, ja...ich habe schon daran gedacht mich bei Dir zu melden, aber jetzt bist Du mir zuvor gekommen!” Und genau, dass würde ich auch sagen. 

So, nun ist es heraus! Aber es gibt glücklicherweise auch richtig viele, die uns Kommentare schicken, um uns zu sagen, dass ihnen unser Blog gefällt. Antons Grossmütter sind natürlich von dieser Verallgemeinerung ausgeschlossen. Sie sind sehr gut darin in Kontakt bleiben und beklagen sich, wenn zu viel Zeit zwischen den Skype Anrufen vergeht. 

Auch wir werden oft von unserem “Alltag” aufgesogen, wenn man dieses Wort überhaupt für uns benutzen kann. Wir haben schon lange aufgehört unsere Reise als Ferien/Urlaub zu sehen, was es auch eigentlich nie war. Es ist eine Art von “Grand Tour” (Bildungsreise) für uns alle. Normalerweise gehen junge Leute auf so eine Grand Tour, aber ich wage zu behaupten, dass man nie zu alt dazu ist. Wir haben in diese Reise investiert, damit wir auch in der Zukunft eine bessere Lebensqualität zusammen haben. Wir wollen versuchen das, was wir gelernt haben mit in unseren Alltag herüber zu retten. Wir müssen bewusst und aufmerksam reisen, damit wir genau das erreichen, was wir uns vorgenommen haben. Wir müssen alle Eindrücke richtig aufnehmen und verdauen. Wir dürfen nicht diese unglaubliche Möglichkeit als Familie um die Welt zu reisen verschwenden, müssen diese Auszeit richtig nutzen und schätzen, um dorthin zu gelangen, wohin wir wollen. Es wäre schon ein Drama, wenn uns das nicht gelingen würde! Das wäre nicht auszuhalten! 

Daher kann es auch sein, dass man einige Tage lang nichts von uns hört. Manchmal geschieht es aus ganz praktischen Gründen, wie z.B. das wir überhaupt kein mobiles Netz oder Internet haben. Wir haben gelernt, dass wir an solchen Tagen nur lesen, oder uns  einfach nur unterhalten. Wir haben kein Fernsehen gesehen, seit wir München im April verlassen haben, mit der Ausnahme von Kinderfernsehen, wenn es möglich war. Vor allem in Melbourne bei Sandra und Erich, wo wir fast einen Monat gewohnt haben. Und dort bekam ich meinen täglichen “Fix” an Nachrichten in Form von lebenden Bildern. Wir vermissen kein Fernsehen oder Radio. Wir hören allerdings sehr viel Musik. Immer wenn wir auf den Strassen unterwegs sind, läuft bei uns Musik. Abends setze ich mir dann oft meine Kopfhörer auf und höre MEINE Musik. Mein guter, mittlerweile acht Jahre alter, iPod Classic läuft im Schnitt an die drei bis vier Stunden pro Tag. Anton hat inzwischen eine sehr genaue Vorstellung, was gute und was schlechte Musik ist. Damit er seinen eigenen Musikgeschmack ungestört frönen kann, hat er Alexandras alten iPod geerbt und ein Paar Kopfhörer dazu und jetzt kann er selbst bestimmen, was er hören will und wir müssen uns nicht ein Lied hundertmal anhören. 

Wie man schon in vielen früheren Blogs lesen konnte, haben wir das Ziel unserer Auszeit erreicht: Einfach zusammen raus in die grosse weite Welt. Wir machen uns überhaupt keine Gedanken, ob es ein Montag Morgen oder ein Freitag Abend ist. Wir leben im hier und jetzt und in der Umgebung, die uns umgibt. Sie entscheidet, was wir am Tag oder am Abend unternehmen können. Wir nehmen uns richtig viel Zeit! Es kann sein, dass es schon 11:00 Uhr ist, bevor wir endlich vom Campingplatz loskommen. Den Vormittag haben wir damit verbracht langsam aufzuwachen, zu frühstücken, zu duschen und uns mit den Gästen um uns herum zu unterhalten. Es wird eine harte Umstellung sein, wenn uns der Alltag in München wieder hat und wir uns an feste Zeiten halten müssen. 

Das beste an so einer Reise ist, dass man neue Länder erleben kann und somit sein eigenes Heimatland - und stadt aus einer anderen Perspektive sehen kann. Meine grosses Fernweh und Reiselust haben bestimmt ihren Ursprung darin, dass ich nicht mit meinen Leben zufrieden war und das Gras musste ja unbedingt auf der anderen Seite der Welt grüner sein. 

Das hat sich, logischerweise, gezeigt, dass es nicht immer so der Fall ist. In Thailand, Australien und Neuseeland, unsere ersten Reiseziele, hat es sich herausgestellt, dass dort Dinge und Zustände herrschen, die ich absolut nicht gut finden kann. So erkennt man plötzlich die Vorteile in seinem kleinen “Hinterhof”. Dänemark und Deutschland sind führend in Bezug auf Umweltschutz, grüne Energie und Energiesparen. Drei bedeutende Wörter, die man überhaupt nicht in Thailand kennt. In Australien und Neuseeland hat es uns erstaunt, wie wenig Wert noch auf Energiesparen gelegt wird. Selbst die neuen Häuser sind nicht besonders gut isoliert und kommen nicht nach nordeuropäischen Standards heran, selbst wenn die Temperaturen dafür sprechen würden. Sowohl in Australien als auch in Neuseeland sind die Informationen für die Verbraucher selber noch nicht ausgereift. Es sieht so aus, als läge diese Aufgabe bei den Produzenten, daraus resultieren ziemlich schön gefärbte Warenanleitungen und -erklärungen. Wir könnten uns jedesmal totlachen, wenn zu lesen ist, dass Milchprodukte “97% fettfrei”, anstatt dass nur 3% Fett im Inhalt sind. Garantiert klingt das erste wesentlich besser im Ohr des Marketingchefs. Ein anderes Beispiel ist das Frühstücksprodukt “Weet Bix”, das wir hier für uns entdeckt haben: “Inhalt besteht 71% aus Vollkorn (was ein längeres Sättigungsgefühl gibt) plus Eisen und B-Vitamine (diese sind hilfreich für die eigene Energie). Tja, anscheinend muss man es so sagen?! Es klingt ein bisschen merkwürdig, wenn man nicht gewöhnt ist, etwas auf so eine Weise erklärt zu bekommen. Und wie so jeder normale Däne werde ich ein bisschen misstrauisch, wenn etwas in einer besonders klugen “Marketing Sprache” vermittelt werden soll. Was wird dann eigentlich in der Packung VERSTECKT?

Es hat was Gutes weit weg vom heimischen Gefilde zu sein, dann weiss man wesentlich besser Dänemark und Deutschland zu schätzen, mehr als ich es früher tat. Ich halte z.B. nicht viel von diesem Supermarkt Duo, Coles und Woolworths, das den australischen Markt dominiert, viel zu dominant und überhaupt nicht wettbewerbsgerecht. Lebensmittel für eine durchschnittliche australische Familie sind wahnsinnig teuer. Es ist nicht so, als dass die Lebensmittelhersteller und die Bauern den Gewinn in die eigene Tasche wirtschaften. Wäre interessant zu wissen, wohin dieses Geld wandert. Hauptsächlich müssen kinderreiche Familien und weniger gut gestellte darunter leiden. In Dänemark gibt es auch zwei dominierende Supermarktketten, aber da ist der Staat kontrollierender. Wir müssen uns damit abfinden, dass wir die teuersten Lebensmittel auf der Welt haben und dann kommen noch die hohen Kosten und Steuern. Aber ich war schon ein bisschen schockiert, als ich 12 Kronen (1,60 Euro) für einen Liter Mich in Australien zahlen sollte! Oder 25 Kronen (3,30 Euro) für eine Packung weisses Toastbrot! Nicht mal in Dänemark ist es so teuer, selbst wenn es nicht unsere hohen Preise rechtfertigt. In Deutschland ist es billiger und ich freue mich darauf dort wieder in den Supermarkt zu gehen. Milch und Brot zu normalen Preisen zu kaufen. Endlich wieder ein Roggenbrot. Aber vielleicht backt Alexandra wieder selber Brot. 

Brot...eine Sache, die man nirgendwo so gut machen kann, wie in Dänemark oder in Deutschland.  ALLE anderen Reisenden, die wir getroffen haben, bestätigen das. Man wird in Neuseeland und Australien mit einem wirklich schrecklichen Brot abgespeist. Damit müssen wir leider eine Zeitlang leben. In den USA wird es garantiert nicht besser. Und bestimmt nicht in Irland. Aber dann nächste Jahr im April...dann können wir endlich wieder in eine richtige Scheibe Brot beissen!

Aber so schlimm ist es allerdings nicht an der kulinarischen Front! In Thailand assen wir natürlich fast immer thailändisch. Auch Gerichte, die wir vorher noch nie probiert hatten. In Australien haben wir zum ersten Mal Känguru und Emu gegessen. Alexandra wagte sich sogar an ein Krokodil Schnitzel heran. In Neuseeland stand unter anderem die Yamswurzel auf dem Menü. Dann haben wir auch lokale Gerichte nachgekocht und die so ganz anders geschmeckt haben, als wir es gewohnt waren. Mit anderen Worte: die kulinarische Weltkarte erweitert sich deutlich bei so einer Reise. Und auch Anton findet langsam Geschmack daran. So war er es neulich auf einem Markt in Dunedin, der bestimmte, dass wir einen frischer Fisch für das Abendessen kaufen sollten.  

Wenn man so wie wir reist, wird die Welt einerseits grösser, aber auch andererseits kleiner. Das klingt ein bisschen so, als könnte ich mir keine klare Meinung bilden. Die Welt ist sehr gross, wenn man jedes Monat an die 4.000 - 5.000 km auf kleinen kurvigen Bergpässen zurücklegt. Gleichzeitig wird die Welt immer kleiner, wenn sich Schritt für Schritt das Mysterium von ihr verringert. Australien und Neuseeland waren für mich immer ferne und exotische Traumländer. Und nachdem ich sie als Reisender mit einem Alltag für eine Zeitlang erleben konnte, sehe ich sie jetzt aus einem ganz anderen Winkel. Das ist ganz natürlich! 

Wie bei so vielem im Leben muss man sich immer auf das erste Bauchgefühl verlassen können, auch wenn es darum geht, dass einem ein Land gefallen soll. Nicht nur auf kurze Sicht, sondern auch auf längere. Wie es uns z.B. am allerersten Tag in Australien ergangen ist, als wir einen Spaziergang durch Brisbane machten. Bereits dann hatten wir beide das Gefühl, dass wir uns gut hier niederlassen könnten. Dieses Gefühl wurde auf unserer dreimonatigen Reise durch das Land noch verstärkt durch die viele Australier, die uns in ihrem Land willkommen hiessen. Auch in Neuseeland fühlt man sich willkommen, aber in Vergleich mit Australien waren wir lang nicht so viel in Kontakt mit den lokalen Leuten. Es wird natürlich besser, je länger wir hier sind, aber keiner von uns hatte bis jetzt dieses Gefühl gehabt, sich vorstellen zu können hier zu wohnen. Neuseeland ist unbeschreiblich schön und atemberaubend. Sowohl Alexandra als auch ich sind einfach zu sehr Stadtmenschen, als das Neuseeland unseren Bedürfnissen gerecht werden könnte. Ganz bestimmt ist Auckland eine Grossstadt, aber irgendwie hat sie uns nicht so richtig gefangen genommen. Dafür haben uns einige kleinere Städte gefallen und dann garantiert die Hauptstadt Wellington. Aber hier permanent zu wohnen? Die Voraussetzung ist immer ein richtig spannender und gut bezahlter Job. In Australien könnte uns Brisbane, Sydney oder Melbourne sehr gut gefallen, aber auch hier nur unter der Voraussetzung, dass es einen passenden Job und Wohnung gibt. Wir haben beide den Sprung gewagt und sind ins Ausland gezogen, wo alle Umstände, ausser einen Job, gepasst haben. Wenn man sich permanent an einem Ort wohl fühlen will, der an sich wunderbar ist, dann soll ein Gehalt, ein Dach über den Kopf und das eigene Netzwerk da sein. Sonst braucht man zu viel mentale Energie um Fuss zu fassen und dann geht leider die Magie verloren, bevor man überhaupt die Beinen auf den Boden bekommen hat. So ergeht es auf alle Fälle uns!

Jetzt ist bereits die Hälfte unserer Reise vorbei. Ungefähr gleichzeitig mit unserer Sechsmonatsfeier können wir auf den Horizont des südlichsten Punkt in Neuseeland schauen. So weit weg von zu Hause waren wir beide noch nie. Und von jetzt an geht es immer näher an den nördlichen Himmelsstreifen wieder. Es sind immer noch sechs Monate, die wir unterwegs sind, aber es ist schon ein bisschen symbolisch. 

Wir erleben jeden Tag eine Menge grosser und kleiner Abenteuer und es ist unglaublich mitzuerleben, wie Anton immer besser wird alles aufzunehmen und zu kommentieren, was er sieht und hört. Er zieht Parallelen und vergleicht es mit Sachen, an die wir überhaupt nicht gedacht haben. Oft ist es Anton, der als erstes was interessantes am Horizont erspäht, da Alexandra im Reiseführer vertieft ist und ich mich auf den Verkehr auf der Strasse konzentriere. Er ist auch sehr aufmerksam, was in der Natur vorgeht. Es ist noch zu früh zu sagen, ob er ein begeisterter Wanderer, wie seine Oma und Alexandra wird. Die Anzeichen sind aber gut! Er ist nicht zurückhaltend gegenüber neuen Menschen. Er geht auf andere Kinder zu, wenn es so aussieht, als hätten sie Spass zusammen und spielt zusammen mit ihnen. Es wird natürlich auch für ihn schön, wenn wir wieder in München sind und er seinen eigenen Freundeskreis aufbauen kann. Aber momentan sieht es so aus, als würde er sich vergnügen.

Es hat sich herausgestellt, dass wir die richtige Mischung unserer Reiseform gefunden haben. Eigentlich sind wir davon ausgegangen, dass wir wesentlich öfter in Hotels oder Hostels übernachten werden (damit natürlich auch mehr Geld ausgeben würden), aber der Campervan hat sich für uns als der Hit herausgestellt. Wir haben immer alles dabei und das bedeutet auch, dass Anton immer seine feste und gewohnte Umgebung hat. Bereits jetzt können wir sehen, dass für unsere weitere Tour durch USA und Irland es kein Campervan wird, auf alle Fälle nicht in USA. Somit ist unser Camperleben für eine Zeit vorbei! Man kampiert dort ganz anders und zu dem ist auch Winter, wenn wir in Seattle Mitte November ankommen. Das macht eigentlich nicht so viel. Wir haben viel über das Leben in und mit einem Campervan gelernt und es gibt garantiert noch andere gute Reiseformen, von denen wir lernen können. 

Wir passen nicht nur als Paar zusammen, sondern auch als “Reisekameraden”. Manch einer fühlt sich wohler, wenn schon alles von vornherein durch geplant ist, die Tagesziele festgelegt, die Übernachtungen vorbestellt ist, die Essensstellen und - zeiten abgesprochen und vieles mehr. Zum Glück sind wir beide spontan, obwohl wir mit einem Kind reisen. Anton isst, wenn er hungrig ist und dann versuchen wir uns an feste Essenszeiten zu halten. Egal, wo wir sind, haben wir immer eine Kleinigkeit für ihn zum Essen in der Tasche. Aber wo wir essen, schlafen oder welchen Ausflug wir machen, ist vollständig abhängig von unserer Laune, Tagesform und Wetter. Das klingt sehr banal, aber in vielen Beziehungen herrscht da nicht immer Einigkeit, wie ein Tag ablaufen soll. Und das ist ein Faktor, den viele vernachlässigen, wenn sie auf Reisen gehen. 

Die Anpassung an neue Umstände fällt uns mittlerweile leicht. Wir müssen uns tagtäglich aufs Neue anpassen. Die Temperatur kann sich ändern. Die Landschaft. Das Land an sich. Wir passen uns an und geniessen die Zeit zusammen, sei es beim Fahren vorne im Campervan und an allen anderen Zeitpunkten hinten im Campervan in unserem “Wohnzimmer”, das auch gleichzeitig Küche und Schlafzimmer ist.

Der geringe Platz ist manchmal eine Herausforderung. Die Geduld wird oft auf die Probe gestellt. Besonders wenn es draussen giesst und man aus dem Campervan raus muss, um abzuwaschen oder drinnen aufzuräumen. Wir versuchen immer alles sauber und ordentlich zu halten, aber manchmal ist das schon sehr schwer, vor allem wenn man auf einen sehr nassen Campingplatz ist. Dann ist Matsch überall! An solchen Tagen wäre es schön einen Abstellraum zu haben, Fussbodenheizung und Matten, wo man die Schuhe trocken lassen kann. Ach, und wie wäre es schön, wenn man die Tür zu seinem eigenen Badezimmer schliessen und in eine Badewanne sinken könnte, bis die Muskeln sich wieder von der dünnen Matratze im Campervan erholt haben. Manchmal vermissen wir unsere eigenen Betten, aber dann übernachten wir einfach zur Abwechslung in einem Hotel oder Hostel. 

Dann können wir auch nicht einfach die Türe hinter uns zuwerfen, wenn die anderen einem auf die Nerven gehen und abhauen. Es ist nicht immer einfach den anderen einen Freiraum zu geben und wir alle drei brauchen das ab und zu natürlich. Alexandra liest gerne und kann stundenlang in ein Buch versunken sein. Anton liegt oft in seinem “Dachgeschoss” spielt mit seinem Spielzeug, oder sitzt am Tisch und malt. Wenn er nicht gerade draussen ist und mit anderen Kindern spielt. Ich höre dagegen Musik und schreiben gerne und stundenlang. Das gute daran ist, dass unser “Kulanz-Konto” gut aufgeladen von einem Alltag, der schön ist und sehr gut funktioniert. Es gibt nur einigen klitzekleinen Ausnahmen. Wie in jeder anderen Partnerschaft kann die Kommunikation immer noch verbessert werden. Wir sind nicht immer ganz einig, aber wir sind schon viel besser geworden miteinander zu reden und den anderen unsere eigenen Vorstellungen und Wünsche zu vermitteln. Nur die kleine Tatsache hilft, dass wir in unserem Alltag Zeit und Ruhe zum Gespräch haben, um den anderen zu sagen, was uns beschäftigt. Wir haben viel Zeit und alle Ruhe, um über Sachen nachzudenken und sie auszusprechen. Es gibt wirklich keine Entschuldigung lange über etwas alleine nachzubrüten. Mit anderen Worten: Wir lernen uns richtig gut kennen. Auf eine andere Art, eine andere Seite, die wir sonst vielleicht nicht entdeckt hätten.

Anton kann auch deutlich merken, dass seine beiden Eltern wesentlich besser geworden sind, sich um ihn zu kümmern und auch mit viel mehr Geduld. Er hat viele Freiheiten, die er logischerweise versucht auch auszunutzen. Obwohl unsere Geduld schon viel besser geworden ist, versteht er es sehr gut die richtige Knöpfe zu drücken, dass wir in nullkommanix auf hundert sind. Aber ich wage zu behaupten, dass wir besser geworden sind, tief Luft zu holen und bis zehn zu zählen. Viel besser, als wenn wir noch in Kopenhagen gewesen wären. Müde nach einem langen und unbefriedigten Tag und mit Fernweh.  

Wir haben gerade Halbzeit bei unseren ersten grossen gemeinsamen Reise, aber ich denke mal, dass dies nicht das letzte Mal gewesen ist. Ich kann mir gut vorstellen, dass wir so was zu einem anderen Zeitpunkt wieder machen werden. Zu anderen, fernen Destinationen. Uns wurde allerdings auch klar, dass wir eine feste Heimbasis brauchen und dies ist auch ein sehr wichtiges Fundament für uns. Wir hätten es schwer eine Reise auf unbestimmte Zeit zu geniessen. Wir haben gerne beides. Im Gegensatz zu einer anderen reisenden Familie, mit der wir in Kontakt sind. Sie haben sich von ihrer festen Basis in Australien verabschiedet. Für sie funktioniert es. Ihre Arbeit als Selbstständige, bei der man nur einen Computer braucht, der online ist, gibt ihnen zweifellos eine geographische Unabhängigkeit. Genau so etwas wünsche ich mir auch. Ich brauche allerdings dazu auch noch eine Basis, die ich als mein Heim bezeichnen kann. Sonst fällt es mir schwer, dass zu schätzen, was ich in der grossen weiten Welt erlebe. 

Das ist eine brandneue Erkenntnis für mich, mit der ich nicht gerechnet habe, dass ich sich machen werde. Aber...da kann man mal sehen!

Somit können wir bei unserem persönlichen “Bergfest” feststellen, dass unsere Mission geglückt ist. Wir “funktionieren” endlich wieder als Familie. Jetzt stehen wieder die kleinen Dinge im Mittelpunkt. Es ist Antons unbeschreibliche Freude, wenn er Schnee in den neuseeländischen Alpen sieht. Es ist, wenn wir eine frische Karotte aus der Erde auf einer Farm ziehen und Anton zum ersten Mal sieht, woher die Lebensmittel eigentlich herkommen. Oder wenn wir ein Lämmchen sehen, dass erst eine halbe Stunde alt ist und neugierig herkommt und uns ganz nahe an sich heran lässt. 

Keiner von uns hat Magenschmerzen oder Frust über einen Alltag in einem Büro, bei dem unsere Erwartungen nicht erfüllt werden. Wir müssen kein schlechtes Gewissen haben, dass wir Anton früh in die Kinderkrippe bringen und ihn spät abholen. Wir können sicher sein, dass alles was wir erleben für immer uns erhalten bleibt und uns ein ganzes Leben lang begleiten wird. Wir wissen bereits, dass unsere Verbrauchs-und Essengewohnheiten  “bewusster” und “grüner” geworden sind. Z.B. lieben wir total die lokalen Märkte, diese sind nicht so in Nordeuropa verbreitet und wir werden sie vermissen. Wir werden bestimmt auch weiterhin wandern gehen und wir haben auch direkt die Alpen vor der Haustüre. Eine bessere Ausgangssituation kann man nicht haben. Anton hat das Schwimmen, Klettern und das Erforschen der Tierwelt für sich entdeckt. 

Ja, es ist all das Geld wert und somit eine gute Investition!

/Anders

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