Christchurch haben wir bewusst als unsere letzte Station in Neuseeland gewählt. Seit einigen Jahren will ich schon immer diese Stadt besuchen. Schon als kleiner Junge war ich vom Südpol und den Südpol Expeditionen begeistert. Von den mutigen Männern, die es wagten auf so eine Expedition zu gehen, wie Robert Falcon Scott, Ernest Shackleton und natürlich auch der Norweger Roald Amundsen, der als erster Mann den Südpol erreichte. Aus Christchurch starteten die Briten Scott und Shackleton vor ca. 100 Jahren ihre Reise und seitdem ist die Stadt das internationale Zentrum für Forschungsexpeditionen in die Antarktis und an den Südpol. Daher rührt auch mein Interesse diese Stadt zu sehen. 

Wenn man durch alte Reiseführer und Touristenbroschüren, die vor 2011 herausgekommen sind, blättert, dann kann man sehen, dass Christchurch eine wirklich schöne Stadt mit vielen alten Steingebäuden im gotischen und klassischen Stil war. Viele wunderschöne Kirchen und dann natürlich die Kathedrale, das Wahrzeichen der Stadt. Umgeben von grünen Naherholungsgebieten und einen Fluss. Der Avon schlängelt sich durch die Stadt und deren Umgebung. Einfach nur schön und ganz sicher ein grosser Touristenmagnet!

Aber am 4.September 2010 erschütterte das erste von vielen Erdbeben die Stadt. Am Anfang waren die Auswirkungen noch gar nicht so verheerend. Es gab nur einige Schäden an Gebäuden und Strassen und man meinte, dass man die meisten innerhalb einer überschaubaren Zeit wieder in Stand setzen könnte. Und gerade wie man dabei war den Umfang zu evaluieren und schon mit den ersten Reparaturarbeiten begann, kam ein weiteres Erdbeben mit verheerenden Folgen. Am 22.Februar 2011 wurde Christchurchs Innenstadt dem Erdboden gleich gemacht. Dieses Erdbeben war paradoxerweise nicht so stark, wie das erste, aber es hat die Stadt auf eine unglückliche Art und Weise getroffen (ich spare mir jetzt die längere und sehr technische Ausführung, die ich sie selbst auch nicht so ganz verstanden habe) und das Epizentrum befand sich in der unmittelbaren Nähe. Darüber hinaus waren schon einige Gebäude von den vorherigen Erdbeben geschwächt. An diesem Tag kamen 185 Menschen ums Leben. 

Von diesen 185 starben alleine 115 in einem einzigen Gebäude, das total zusammenstürzte. Weitere 18 in einem anderen Bürogebäude in der Mitte des Geschäftsviertel. Beide Gebäude waren aus Beton und Glas erbaut worden und konnten den Erschütterungen nicht standhalten. Ein Grossteil Neuseelands privater Häuser sind aus Holz gebaut und sind deshalb wesentlich widerstandsfähiger. Nach diesen zwei grossen Erdbeben folgten mehrere tausend kleinere. Das ist ganz normal in dieser Gegend und man wundert sich nicht so sehr darüber. Bürogebäude und andere grosse Gebäude kann man nicht in diesem Umfang und Grösse aus Holz bauen. Egal welches Material verwendet wird, will man natürlich erdbebensicher bauen. Es trafen einfach zu viele unglückliche Umstände auf einmal aufeinander und die Bilanz waren dann leider 185 Tote. Wenn das Ganze in der Nacht passiert wäre, dann wären die zwei am schlimmsten betroffenen Gebäude vollständig leer gewesen und es hätten wesentlich weniger Menschen ihr Leben lassen müssen. 185 klingt nach viel und es ist sehr tragisch für die Opfer und die Betroffenen. Aber wenn man bedenkt, dass es mehr als 400.000 Einwohner gibt, dann sind es verblüffend wenige. 

Ich habe selber niemals Krieg oder Zerstörung miterlebt. Wenn man in einer relativ sicheren und ungefährlichen Umgebung aufgewachsen ist, kann man sich sowas etwas nicht vorstellen. Solche Sachen werden einem nur über die Medien vermittelt. Der 22. Februar 2011 ist mir immer noch gut in Erinnerung. Die Bilder der zusammenstürzenden Kathedrale in Christchurch gingen um die Welt. Aber es ist schon was anders, wenn man es nur im Fernsehen sieht, als wenn man selbst davor steht. In Mitten des Ganzen!

In meiner totalen Naivität habe ich ehrlich gesagt damit gerechnet, dass drei Jahre nach der Katastrophe das meiste in Christchurch aufgeräumt und wieder aufgebaut worden ist. Am Anfang war ich echt überrascht, wenn wir Leute auf unserer Reise in Neuseeland trafen und sie uns sagten, dass man nur einige Tage zur Erkundung in Christchurch benötigt. Es gibt wirklich nicht viel zu sehen! Wir kamen immer mehr von unserem ursprünglicher Plan weg eine Woche in Christchurch zu verbringen, je mehr sich unserer Reise dem Ende näherte. Schliesslich und endlich wurden nur drei Übernachtungen daraus. Eine richtige Entscheidung! 

Unseren Campervan gaben wir am Flughafen ab und fuhren mit einem Shuttlebus direkt zu unserem Hostel in einem historischen Quartier in der Innenstadt. Ein Wohnquartier, das hauptsächlich aus alten Holzhäusern aus den dem 19. Jahrhundert besteht. Obwohl einige der Häuser unter dem Erdbeben beschädigt worden sind, so waren es mehr kosmetische oder kleinere Schäden und waren somit immer noch bewohnbar. Unser Hostel ist aus dem Jahr 1903 und echt schnuckelig.   

Nach drei Monaten in einem Campervan war es schön mal wieder in einem richtigen Bett zu schlafen. Obwohl wir in dieser Zeit auch einige Nächte in einer Hütte oder in einem Hostel übernachtet haben, verzeiht es einem der Körper nicht so schnell, dass er auf einer dünnen Matratze übernachten musste. Je näher unsere Abreise rückt, desto mehr können wir unser Alter merken und freuen uns schon darauf, dass das Campingleben zu Ende geht. Wir haben wirklich diese Zeit genossen, aber freuen uns auch schon auf eine andere und für uns neue Art zu reisen. 

Wir haben unsere Tage in Christchurch damit verbracht durch die Strasse zu wandern und mit eigenen Augen zu sehen, wie die Stadt so langsam wieder auf die Beine kommt. Aber das dauert noch eine lange Zeit!

Direkt um das Hostel herum gab es keine offenbaren Erdbebenschäden, aber je weiter man sich der Innenstadt näherte, desto klarer wurden es einem, dass tatsächlich keine Innenstadt mehr vorhanden ist. Wir gingen immer weiter in der Hoffnung, dass doch irgendwann die Geschäfte, Cafés und Bürogebäude auftauchen müssten, aber wir stiessen nur von einem leeren Platz auf den anderen, nur Schott und Kies. Dort wo früher Gebäude in den Himmel ragten, ist alles weggeräumt und man findet nur noch kahlen Boden. An einigen Stellen kann man sogar noch die Reste des Fundamentes sehen. An vielen Orten stehen Gebäude mit Rissen in den Mauern, kaputten Fenstern und Löchern in den Dächern. Die Orte, die man nicht mehr betreten darf, sind mit einem Zaun umgeben. An jedem Gebäude sind an der Aussentüre Zertifikate angebracht, die Auskunft darüber geben, ob der Zutritt gestattet ist oder nicht. Wir sahen Einkaufszentren, ganze Strassenzüge mit Verkaufsfenstern, grosse öffentliche Gebäude, wie die Zentrale Bibliothek, die total abgeriegelt sind und nur noch als traurige Monument auf ihr endgültiges Schicksal warten: Abriss oder Reparatur. Die meisten jedoch werden abgerissen. Die zentrale Einkaufsmeile existiert nicht mehr und man hat stattdessen einige Schiffscontainer aufgestellt, in denen sich Geschäfte und Cafés befinden. Die Re:Start Mall. Eine wirklich aussergewöhnliche Idee! Das allerwichtigste um die Stadt wieder zu beleben ist es, dass das Erwerbsleben und die Touristen wieder zurückkommen. Und es wirkt zu 100 Prozent. Wie wir durch die Re:Start Mall liefen, vergassen wir fast das angrenzende Quartier. Hier entstand das Gefühl, dass Christchurch eine ganz normale geschäftige Stadt ist. Die ersten grossen Gebäude, die man wieder errichtet hat, sind die Hotels. Die grossen Banken sind auch schon lange wieder da.  

Das schlaueste, das man in all diesem Elend machen konnte, war die Bevölkerung beim Wiederaufbau miteinzubeziehen. Sehr demokratisch wurden sie befragt, wie sie sich die Zukunft Christchurchs vorstellen. Ein Beispiel dafür ist, dass man nicht noch mal ein zentrales Geschäftsviertel mit nur Banken und Anwaltskanzleien haben möchte. Man tendiert eher zu Wohnungen in den ehemaligen Erwerbsgebieten. Im Zentrum soll es eine gute Mischung von allen geben. In anderen Gebieten möchte man die Dinge in Kategorien aufteilen. Z.B. sollen neue, moderne Arztpraxen in der Nähe des Hauptkrankenhauses, diese blieb im Übrigen relativ unbeschädigt vom Erdbeben, erbaut werden. Die Kinos, Theater und andere unterhaltungs- und kulturmässige Stätten sollen zusammengelegt werden. Wie die Supermärkte, die Autohändler und andere kleine bis mittelständische Unternehmen an einer anderen Stelle. Es wird eine total andere Infrastruktur geben, wenn man sowieso alles neu aufbauen muss. Die Zukunft wird zeigen, ob all diese Gedanken, wirklich die richtigen waren.  

Obwohl die Stadt so zerstört ist, hinterlässt sie trotzdem einen sympathischen Eindruck. Die Einwohner sind fest entschlossen Christchurch so schnell als möglich wieder in die Höhe zu bringen und sie wollen es ordentlich machen. Die Versicherungsgesellschaften streiten mit Privatpersonen und Unternehmen und dem nationalen Erdbebenkomitee, wer was und wieviel bezahlen muss. Die Entscheidungen werden in die Länge gezogen. Einige Familien wurden ruiniert.  Nach drei Jahren wird erst jetzt mit dem Wiederaufbau begonnen. Viele Einwohner sind sauer, dass man den Aufbau der Hotels, Theater und kulturellen Attraktionen den privaten Häusern bevorzugt hat. Das ist verständlich und mir würde es genauso gehen. Andererseits muss man auch versuchen, dass das Geschäftsleben und die Wirtschaft wieder auf die Beine kommt, damit alles wieder rund läuft.  

Einer der schlimmsten Anblicke war wohl die Kathedrale der Stadt, die zu Anfangs nicht so schlimm beschädigt worden ist,  als dass sie nicht wieder errichtet hätte werden können. Aber die vielen Nachbeben haben die Konstruktion so beschädigt, dass man nun beschlossen hat, sie abzureisen und eine neue und moderne Kathedrale zu errichten, die zudem auch noch erdbebensicher ist. Das ist wirklich sehr schade! Es ist einfach zu teuer die ursprüngliche wiederaufzubauen und erdbebensicher zu machen. 

Inzwischen hat man eine “Übergangskathedrale” an einer anderen Stelle errichtet. Die “Cardboard Cathedral” (Pappkarton Kathedrale) ist ein wirklich schönes Monument, dass daran erinnert, dass selbst wenn die Stadt zerstört ist ,das Leben weitergeht. Auch soll die Stadt einen Ort haben, zu der man mit seinen Sorgen gehen und sich zu einem Gebet zurückziehen kann. Die Kathedrale wurde erst vor einigen Monaten geöffnet, ist allerdings jetzt schon ein grosses Trostpflaster geworden. Es wurde ein Stahlskelett errichtet und mit starken Pappröhren verkleidet und dies wirkt so, als würde sie das Dach halten. Es wurde bereits beschlossen, dass dieses Gebäude erhalten bleiben soll und dann nicht mehr als Kathedrale sondern als normale Kirche genutzt wird, wenn die neue Kathedrale auf dem Platz der alten steht. Ich bin altmodisch, wenn es um Kirchen geht und ich bevorzuge eher die traditionelle Architektur. Aber die “Cardboard Cathedral” ist erstaunlicherweise einladend und man hält sich gerne darin auf und auch wir sassen dort in aller Ruhe und liessen die Atmosphäre auf uns wirken.   

Wie schon mal früher erwähnt, ist Christchurch in meinen Augen eine sehr sympathische Stadt. Trotzdem machte sich bei uns beiden eine gewisse Traurigkeit bemerkbar, wie wir an den Ruinen und den leeren Plätzen vorbeigingen. Diese Zerstörung hautnah mitzuerleben, nimmt einem sehr mit, obwohl dies schon vor einiger Zeit passiert ist. Auch Anton konnte dies ganz gut verstehen und ihm war auch klar, dass hier etwas schlimmes passiert ist und erzählte später viel von den kaputten Kirchen. Das Kennzeichen der Einwohner dieser Stadt ist ihr unbeugsamer Wille und Glauben, damit sich ihre Stadt wieder aus den Trümmern erhebt und dadurch wurde unser Gesamteindruck sehr positiv.  

Einen Tag bevor es zum Flughafen ging, bereiteten wir uns auf unsere Abreise vor, packten unsere Rucksäcke und sortierten einige Klamotten aus und hinterliessen sie für die Altkleidersammlung (in den USA wollen wir einkaufen). Am Flughafen liegt auch das internationale Antarktis Center, das Zentrum für die Forschung in der Antarktis und die zentrale Koordination für Expeditionen. Hier hat auch die amerikanische Armee sein Antarktis Hauptquartier. In dem Museum befindet sich auch ein Windtunnel mit einer Temperatur von minus 8 Grad und man kann hautnah erleben, wie sich ein Polarsturm anfühlen kann. Neben Pinguinen kann man viele gute und interessante Ausstellungen über das Tierleben in der Antarktis und Polarexpeditionen der letzten 100 Jahre sehen. Glücklicherweise gibt es auch eine Spielecke für die Kleinsten, so dass die Erwachsenen umhergehen können und sich alles in Ruhe ansehen können. Wir sassen auch in einen Kettenfahrzeug, wie es normalerweise auf dem Eis benutzt wird. Um nachvollziehen zu können, wie es sich anfühlt über Gletscherspalten, durch See und über Berghänge mit mit einer Neigung von 35 Grad zu fahren, hat man um das Museum herum eine ziemlich hügelige Strecke nachgebaut. Diese Tour war ein wirkliches Erlebnis, auch wenn sie nur fünf Minuten gedauert hat, worüber ich selber sehr froh war. Anton hat es sehr gut gefallen und wäre am liebsten noch länger gefahren. 

Von Christchurch starteten wir mit dem ersten von drei Flügen um 16:30. Nach einer kurzen Zwischenlandung in Auckland ging es weiter nach San Francisco, wo wir eine neue Maschine bestiegen für den letzten Teil der Strecke nach Seattle. Hier kamen wir um 15:00 Uhr an. Am selben Datum, an dem wir Neuseeland verliessen. Wir sind also früher angekommen, also wir losgekommen sind. Wir überquerten eine Datumsgrenze und verschiedene Zeitzonen. Komischerweise hatten wir damit keine Probleme. Die erste Nacht gingen wir zwar früh ins Bett, aber am nächsten Morgen merkten wir nichts von der Zeitumstellung.  

Jetzt sind wir also in den USA. Hier werden wir die nächsten drei Monate sein. Wir wollen eventuell einen kleinen Abstecher nach Kanada machen. Es ist ja nicht wirklich weit weg. Vancouver soll eine super schöne Stadt sein. Obwohl es gerade Herbst ist und stark auf den Winter zu geht. Wir wollen natürlich auch Seattle entdecken und selbstverständlich auch Zeit mit unserer Gastfamilie hier verbringen. Daniela, eine Schulfreundin Alexandras, die in Olympia wohnt, hat uns eingeladen. Sie war so gastfreundlich, dass sie uns viele Tage bei sich und ihrer Familie übernachten lässt. Eine perfekte Möglichkeit sich ein bisschen zu entspannen und gleichzeitig die Amerikaner näher zu “studieren”, bevor die Reise weiter nach Oregon und Kalifornien geht. 

Wir haben uns ein ganz normales Auto ausgeliehen. Alexandra hat viel und lange im Internet recherchiert und hat für uns die perfekte Lösung gefunden. Natürlich wurde versucht uns bei der Abholung ein grösseres Auto, natürlich gegen Bezahlung, anzudrehen, obwohl hier die Autos von vornherein grösser als in Europa, Australien oder Neuseeland sind. Wie das nicht geklappt hat, wollten sie uns eine Versicherung verkaufen, die dann zur Folge gehabt hätte, dass sich die täglichen Gebühren verdoppelt hätten. Hat auch nicht funktioniert! Dann kam das Navi, aber das lehnten wir ebenfalls höflich ab. Der Mann, der uns bediente, musste wohl einsehen, dass er mit uns keine Provision an Land ziehen konnten und war am Ende nicht mehr allzu freundlich. 

Wir haben für uns das richtige Auto gewählt: einen Ford Fusion. Es ist garantiert der richtige Reisepartner für die nächsten Wochen für unsere Reise entlang der Westküste und in Richtung Grand Canyon und Las Vegas.

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/Anders

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