Nach unserer Tour zum Ninety Mile Beach wollten wir eine Nacht ganz am nördlichsten Punkt Neuseelands verbringen. Nicht weit vom Cape Reinga liegt ein Campingplatz an einem weissen Sandstrand in einer einsamen Bucht, dieser ist allerdings unbewacht und zu dem auch noch ohne Strom und man kann ihn gegen Bezahlung benutzen. Die Bezahlung geschieht auf Vertrauensbasis: man legt das Geld (6 Dollar pro Erwachsener/Nacht) in ein kleines Kuvert und wirft dieses in den dafür vorgesehenen Briefkasten. Der Platz wird vom DOC, Department of Conservation, (eine Art von Naturvereinigung) verwaltet und das Geld dient zur Instandhaltung und zum Schutz des Gebietes. 

Ich muss ganz ehrlich einräumen, dass ich Campingplätze bevorzuge, an denen es Personal gibt und die eventuell auch ein bisschen bewacht sind. Daher war es mir ein wenig unwohl, dass wir an einer einsamen Stelle campieren wollten und an der es nicht einmal ein Mobilfunksignal gibt. Nur die Vorstellung, dass wir dort alleine sind. Und wenn dann auch noch jemand kommen würde und versucht einzubrechen, während wir schlafen und wir dem wehrlos ausgeliefert sind... Nicht auszudenken....Natürlich eine von mir total überspitze Furcht, die meinen Kopf den ganzen Nachmittag beschäftige. Ich konnte mich erst beruhigen, wie ich sah, dass einige andere Campisten sich dort einfanden, selbst zu dieser kälteren Nebensaison. Wir waren nicht alleine und natürlich geschah nichts!

Der Platz lag eine zweistündige Wandertour von der hügligen Umgebung des Cape Reinga weg. Mit dem Auto sind es ca.10 Minuten über eine kurvige Schotterstrasse.  Alexandra und Anton wollten gerne dorthin wandern und wir machten aus, dass ich mit dem Campervan zum Platz fahren und sie dort treffen sollte. Alexandra war davon überzeugt, dass sie Wasser in ihrer Tasche hatte und sie die Tour locker schaffen würden. Wie ich zum Auto zurückging, stellte sich heraus, dass sie die Wasserflasche vergessen hatte. Oft sind dieses Angaben über die Länge einer Wanderung für sehr langsame Wanderer berechnet und ich ging davon aus, dass sie höchstens eine Stunde unterwegs sein würden. Und wenn ich mich beeilen und den Wagen parken und ihnen dann entgegen gehen würde, so könnten wir dann zusammen innerhalb von einer Stunde ganz entspannt in unseren Campingstühlen vor dem Camper sitzen und den Sonnenuntergang geniessen.  

Ich begann ihnen entgegen zu gehen. Es war kein leichter Weg! Nicht für Anfänger! Ich bin die ganze Zeit davon ausgegangen, dass ich jeden Moment auf sie stossen würde. Das tat ich dann auch, aber erst nach einer Stunde. Einige Male ging der Weg gefährlich nahe an den Abgrund und in meinen Gedanken sah ich sie schon abgestürzt. Zu dem hat Anton die Tendenz ein bisschen zu begeistert zu sein und dann nicht auf seine Eltern zu hören. Gerade wie ich so richtig ängstlich werden wollte, kamen sie mir entgegen. Alexandra war besorgt, dass sie kein Wasser mithatte und ich bin davon ausgegangen, dass ich in kürzester Zeit auf sie stossen würde und hatte zudem auch noch das Gebiet stark unterschätzt und hatte selber auch nichts zum Trinken dabei. Aber Alexandra hatte Anton mit Maoam, seine Lieblingssüssigkeit, bestochen, dass er schön weiter mitging. Ich musste ihn allerdings ein kleines Stückchen tragen. Nach einer Stunde kamen wir unbeschadet am Campingplatz an. Noch nie in meinem Leben hat reines Leitungswasser so gut geschmeckt! Nach ein paar Minuten war die Stimmung super gut und seit dem checken wir immer doppelt, dass die Wasserflasche wirklich mit dabei ist. (Anmerk von Alexandra.: Ich habe mich selber auch sehr über diesen Anfängerfehler geärgert. Anton nichts merken lassen, dass es mir Kopfschmerzen bereitet. Was war ich froh, als ich Anders uns entgegenkommen sah!) Und NIEMALS das Terrain und die offiziellen Zeitangaben zu unterschätzen! Wenn ich so richtig darüber nachdenke, war ich wirklich über Antons Ausdauer bei dieser Wanderung imponiert. Es war nicht das erste Mal, dass er eine etwas schwierigere Wanderung hinter sich gebracht hat, ohne allzu viel meckern. Er hat sich bei dieser Tour nur ein bisschen beschwert, da waren wir allerdings schon eine ganze Weile unterwegs. So lange wir immer ein bisschen Bestechung in Form von Maoam oder Gummibärli dabei haben, dann geht es schon. Und seine Oma wird es freuen, dass er das Wandern “übt”!

Nach Cape Reinga sind wir ein gutes Stück weiter südlich zum Waipoua Regenwald, an der westlichen Nordinsel, gefahren. Hier steht der älteste und grösste Kauribaum auf der Welt. Tatsächlich wachsen sie nur im nördlichen Neuseeland, obwohl man sie früher auch in einigen Teilen Südostasiens finden konnte. Die Kauribäume sind dafür bekannt, dass sie das beste Holz zum Bauen haben. Es ist hart mit einem langen und geraden Stamm und ist daher wunderbar für Schiffsmasten geeignet. Der Kauribaum eignet sich wesentlich besser für alle möglichen Zwecke und ist dazu viel schöner als der Eichenbaum. Sie können mehr als 50m hoch werden und der Stamm des noch ältesten stehenden Baumes ist an die 13,50m im Durchmesser. In der Zeitspanne von 1850 bis 1950 wurden so viele Kauribäume gefällt, dass sie fast von der Abholzung bedroht waren, bevor endlich die Behörden einschritten. Darüber hinaus werden sie seit den 70er Jahren von einer Pilzkrankheit dem “Kauri Dieback” bedroht. Man geht davon aus, dass dieser langsam aber sicher die grössten und ältesten Bäumen absterben lässt. Daher mussten wir auch sorgfältig unsere Wanderschuhe reinigen, bevor wir den Kauriwald betreten durften. Man ist wirklich sehr übervorsichtig und nimmt es sehr genau mit der Hygiene, da man nicht will, dass sich der Pilz weiter verbreitet.  

Wir wurden ganz andächtig und es breitete sich eine majestätische Ruhe über uns alle drei, als wir vor dem höchsten Kauribaum der Welt standen. Dem “Tane Mahuta” und dies bedeutet “Vater des Waldes” und ist der maorische Name dieses Prachtexempels. Es leben bis zu 300 verschiedene Pflanzenarten und eine unbekannte Anzahl von Tierarten im Stamm und der Krone des Baumes. Das ist wirklich wahnsinnig! Man geht davon aus, dass der Baum an die 2000 Jahre alt ist. Wir beschlossen augenblicklich, dass wir Geld für einen Kauribaum spenden wollen, der dann in einer der dafür vorgesehenen Reservate angepflanzt wird, um somit den Bestand in Neuseeland wieder zu erhöhen. Sie wachsen ziemlich langsam und unser Baum wird wohl nicht zu unserer Lebzeiten einen Rekord aufstellen. 

Danach ging die Reise weiter nach Matakohe, wo Neuseelands bestes Museum liegt. Im Kauri Museum geht es nicht nur um den Baum an sich, sondern auch um das Holzfäller Zeitalter und die vielen Menschen, die aufgrund des Kauribaumes Fällen und dessen Verdienst jahrzehntelang in das Land geströmt sind. Man erhält einen wirklich guten Überblick in das moderne Neuseeland und selbst Anton wurde davon ganz gefangen genommen. Wahrscheinlich nur, da es auch eine Ausstellung über die damals benutzten Sägewerks- und Holzfällermaschinen gibt.

Nachdem wir uns einige Tage über die Kauribäume schlau gemacht haben, wurde es an der Zeit in den nördlicheren Teil von Neuseeland aufzubrechen. Wir sind zur Coromandel Halbinsel gefahren, wo wir zum “Hot Water Beach” wollten. Zu dieser Jahreszeit sind die Strände eher menschenleer. Hier liegen zwei unterirdische Quellen, die mit einer Temperatur von 65 Grad an die Oberfläche kommen. Während der Flut sind die Quellen am Strand nicht zugänglich und daher sollte man dort am besten bei Ebbe sein. Dieses Phänomen befindet sich zu dem erschwerend noch in einem sehr begrenzten Umfeld. Und natürlich gibt es keine detaillierte Karte oder ein Schild, wo man im Sand schaufeln sollte. Eine kleine Gruppe von Leuten war mit uns auf der Suche und wanderte den Strand in der Dämmerung auf und ab. Der Strand sah nach einer Weile wie ein Schweizer Käse aus. Wir haben uns extra für diesen Zweck einen Spaten von unserem Campingplatz geliehen. Es gibt anscheinend viele Touristen, die danach fragen. Gerade als es uns zu kalt während unseren erfolglosen Suche werden und wir uns schon wieder auf den Rückweg machen wollten, rief ein junges Paar, dass sie das warme Wasser gefunden haben. Jetzt mussten alle zusammen helfen und ein kleines Pool ausschaufeln, damit alle das warme Wasser geniessen konnten. Nicht im 65 Grad warmen Wasser, natürlich! Es wird angenehm, wenn sich das unterirdische Wasser mit dem der Wellen, die an den Strand schlagen, vermischt. Eine anderes mehr erfahrenes Team war erfolgreicher und hatte in geringer Zeit professionell ein Pool ausgeschaufelt.  

Das haben wir nicht lange miterleben können, da Anton ziemlich müde und überdreht war. Wie der letzte Sonnenstrahl am Himmel verschwand, sind wir wieder zum Campingplatz zurück gefahren. Es war wirklich ein unglaubliches Erlebnis! 

Am nächsten Morgen wanderten wir zur “Cathedral Cove”, eine kleine isolierte Bucht, wo man einen grossen offen Bogen in Mitten einer Klippenwand sehen kann. Die Flut überschwemmt den Strand und man muss zum richtigen Zeitpunkt vor Ort sein, um durch die Kathedrale gehen zu können. Wieder einer dieser Stellen, an denen man auf unberührte Natur stossen kann, wenn man einige Meter Wanderung auf sich nimmt. 

Auf der Coromandel Halbinsel haben wir auch die Driving Creek Railway & Pottery besucht, die sich praktischerweise in der Stadt Coromandel selbst befindet. Ein etwas wundersamer, aber visionäre Lehrer namens Barry Brickell kaufte sich in den 70en eine verfallene Stelle ausserhalb der Stadt, um eine Keramikwerkstatt und ein Refugium für Keramik Künstler einzurichten. Um sich selbst mit den notwendigen Ton auf seinem eigenen Grundstück in den Bergen zu versorgen, baute er eine kleine Eisenbahn, die den Werkstoff von oben nach unten in die Werkstatt transportieren konnte. Die Werkstatt und die Eisenbahn wurden schnell immer grösser und 1990 war Barry Brickells Bank gezwungen ihn zu stoppen. Er war zu sehr darauf fokussiert die Werkstatt und die Eisenbahn aufzubauen und viel zu wenig darauf seinen Kredit abzubezahlen. 

Barry ist dann auf die Idee gekommen, Fahrten für Touristen durch seinen Wald auf den Schienen in seiner kleinen Eisenbahn anzubieten. Das wurde wirklich zu einer Attraktion und seit dem hat er neue Zugtypen entwickelt und das Terrain vergrössert. Das waren einige Stunden in einem Phantasieuniversum! Eine Mischung aus Harry Potter und Salvador Dalí...wenn das überhaupt einen Sinn ergibt! Aber so kann ich es am besten erklären, damit man sich ein Bild machen kann. Skulpturen, fantastische Tunnel und Brücken, Bahnstrecken mit kleinen Stationen und Aussichtspunkte mit Blick über das ganze Tal. Sie zog sich durch das hügelige Gebiet in schöner Harmonie mit der ursprünglichen Natur. Mit dem Hintergedanken wieder einen Wald zu schaffen, der durch Generationen von Holzfällern und Goldsuchern zerstört worden ist. Ein absoluter Höhepunkt! Einer dieser Sehenswürdigkeiten, an denen man vorbeikommt und man sich aus einer Laue heraus beschliesst, sie zu besuchen. Anton war wieder Feuer und Flamme, dass er mit so einem Zug fahren konnte. 

Nach der Coromandel Halbinsel und deren üppiger Natur und der Unzahl von sehr kurvigen Strassen (Ich habe wirklich noch NIE so viele Haarnadelkurven in meinen ganzen Leben erlebt!) hatte ich wirklich genug von den Regenwäldern und unleidlichen Wetter und zudem war es auch ein bisschen anstrengend mit einem Campervan in den Bergen zu fahren, konnte ich Alexandra davon überzeugen, dass es Zeit wird etwas anderes zu sehen. 

Wie so viele andere Teenager habe ich Tolkiens epische Bücher über “Hobbits” und “Herr der Ringe” verschlungen. Die Filme von Peter Jacksons habe ich natürlich auch gesehen und sie sind wirklich eine der schönsten unserer Zeit. Peter Jackson ist selbst aus Neuseeland und die Filme wurden hier gedreht.  

Ausserhalb von der Stadt Matamata, ungefähr in der Mitte der nördlichen Insel, liegt eine grosse Scharffarm deren Besitzer die Familie Alexander ist. Gegen Ende der 90er suchte Peter Jackson nach einer geeigneten Stelle, an der er “Herr der Ringe” drehen konnte und so fand er das Gebiet um Alexanders Farm. Diese ähnelte einer Landschaft des frühen Englands. So nah, wie man mit einer Verfilmung eines Buches kommen kann und man meinen könnte dies wäre die eigentliche Vorlage für Tolkiens “Middle Earth” gewesen - dort wo sich die gesamte Geschichte der “Hobbits” und “Herr der Ringe” abspielt. Hier baute man “Hobbiton”, eine Stadt, in der die Hobbits wohnen. Nachdem man mit den Aufnahmen für die Trilogie fertig war, wurde alles wieder abgerissen und die Schafe hatten ihr Weideland zurück. Wie Peter Jackson einige Jahre später wieder drehen wollte, diesmal eine neue Trilogie über die “Hobbits”, fragte er erneut bei der Familie Alexander an und diese gab die Genehmigung unter der Auflage, dass man diesmal die Kulissen aus “richtigen” Materialen bauen sollte, nicht nur aus Plastik und Gips. Natürlich mit den Hintergedanken, dass man Touristen mehr als nur Weide- und Grünflächen mit ein paar alten Bäumen zeigen kann. Dies wurde in einem Vertrag ausgehandelt und sobald die Aufnahmen abgeschlossen waren, blieb alles so wie im Film stehen und konnte in eine Attraktion umgewandelt werden. Die Häuser der Hobbits sind allerdings nur eine Fassade aus Stein und Holz und es ist wirklich ein Erlebnis durch diese Landschaft zu wandern. Es sieht wirklich so aus, wie im Film und wenn man, wie ich ein grosser Fan ist, dann könnte man sich dort stundenlang aufhalten. Leider kann man das nur mit einer geführten Tour und unser Guide, so nett und freundlich sie auch war, war sehr bestimmend, wenn es darum ging das Gebiet auf eigene Hand zu erforschen. Es kommen tagtäglich tausende von Besuchern und damit das Gebiet nicht ruiniert wird, muss eine gewisse Disziplin herrschen. Es gibt festangestellte Gärtner und ein Team von Handwerkern, die sich ständig um die Instandhaltung kümmern. Aber zum Beispiel die Hauptattraktion Bilbo Beutlins Höhle ist nicht für das Publikum zugänglich. Diese kann man nur aus einem gewissen Abstand von aussen bewundern. Letztes Jahr haben ca. 200.000 Besucher ihre Spuren in den berühmten Vorgarten und der kleinen Steintreppe hinterlassen und daher ist es verboten (am allerstrengsten) dort hinein zu gehen, damit das Gras und die Pflanzen in aller Ruhe wieder wachsen können. 

Hier kann man ganz klar und deutlich den Unterschied zwischen Neuseeland und den mehr kommerziell denkenden Ländern, wie USA oder Japan sehen: Es ist garantiert eine Attraktion, aber kein Vergnügungspark. Man kann es sich gerne ansehen, bewundern und geniessen, aber es gibt keine Karusselle oder Achterbahnen. Das einzige was so richtig “offen” war, war “The Green Dragon” Wirtschaft. Hier bekamen wir ein Ingwerbier und einen Cider serviert, bevor es wieder zurück zum Parkplatz mit dem Bus ging.  

Hobbiton war für uns alle drei ein absoluter Höhepunkt! Selbst wenn man kein Tolkien Fan ist, lohnt sich der Besuch. Es ist wirklich schön und in der vollen Natur. Ein Vergnügen! 

Nach Hobbiton geht es weiter nach Rotorua und Taupo im vulkanischen Gebiet. Hier wollen wir die raue und barsche Natur mit Bergspitzen und Schluchten, aber auch die warmen Quellen und Wellnessoasen erleben. 

Hier klicken, um die Höhepunkte unserer Zeit in Neuseeland zu sehen!

/Anders

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