Ærøskøbing

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Als Bürger eines vergleichsweisen kleinen Landes ist es bemerkenswert, dass wir lieber in der Weltgeschichte umherreisen, um zu den entferntesten Stellen unseres blauen Planeten zu gelangen, anstatt unsere eigene kleine Heimat besser kennen zu lernen. Geschweige, dass man es geschafft hätte zu all den berühmten Sehenswürdigkeiten zu fahren, von denen es auch reichlich in Dänemark gibt. Selbst mir, war nicht wirklich klar, wie viele kleine dänische Inseln es gibt, bis ich eine Dokumentarserie im dänischen Fernsehen darüber gesehen habe. Sofort wurde meine Aufmerksamkeit geweckt und besonders Ærø stach als eine Perle heraus. Eine Insel für jeden Geschmack und doch kann man hier auch Ruhe, Entspannung und Inspiration finden.

Unser erster Besuch war leider zeitmässig begrenzt. Wir wollten daher unsere Zeit gut nutzen und herausfinden, ob wir nochmals zu einem längeren Aufenthalt zurückkehren wollen. Selbst ein kurzer Ausflug für nur einen Tag hinterlässt viele intensive und unvergessliche Eindrücke, von denen man lange zehren kann. Auch wir nahmen reichlich mit!
 
Schon auf der Überfahrt auf der Ærø Fähre wird es einem bewusst, dass man sich in guter Gesellschaft von Menschen befindet, die das Inselleben zu schätzen wissen. Selbst an einem Freitag Nachmittag Ende Oktober, in der späten Nebensaison, ist die Fähre gut gefüllt. Die Pendler kehren Heim für das Wochenende. Ich bekam den Eindruck, dass nicht es nicht viele, wie uns, außer den Bewohnern, gab, die Lust auf ein kleines Herbst Abenteuer hatten. An Bord versammelten sich die üblichen Gruppen, die sich über die neusten Gerüchte austauschten und lachten. Eigentlich wollte ich mit meinem Sohnemann oben an Deck stehen, die Aussicht über das Südfünische Inselmeer genießen und Fotos schießen. Aber die Temperatur war knapp über den Gefrierpunkt und es wehte ein unbarmherziger kalter Wind und so drehte Anton sich sofort um, sobald wir das Deck betraten. Zurück in die warme Cafeteria, wo seine Mutter klugerweise sitzen geblieben ist.

Wohnzimmer, Pension Vestergade 44

Wohnzimmer, Pension Vestergade 44

Bei unserer Ankunft in Ærøskøbing begann es zu regnen. Unser Auto hatten wir in Svendborg stehen lassen, da wir wussten, dass wir es bei unserem kurzen Aufenthalt auf Æro nicht brauchen werden. Auch der Preis für die Überfahrt für ein Auto in Vergleich zu Passagieren rechtfertigte nicht, dass wir es unbedingt mitnehmen mussten. So legten wir die 500m von der Anlegestelle bis zur Pension zu Fuss zurück. In der Pension Vestergade 44 wurden wir von der Besitzerin, Susanna Greve, mit offenen Armen und bei bester Laune begrüßt. Anton, der normalerweise immer die erste halbe Stunde ein wenig zurückhaltend ist, fühlte sich sofort in dieser gemütlichen Umgebung zu Hause. Er zog seine Jacke und Schuhe aus und wollte sofort auf Entdeckungsreise gehen, bevor wir überhaupt unsere Tasche abgestellt hatten. Das Haus hat wirklich ein gutes Karma!

Vestergade 44

Vestergade 44

In der Pension Vestergade 44 bekommt man Nachmittagstee serviert. Dieser ist im Preis einbegriffen und ist eine wunderbare Weise um langsam anzukommen. Dazu noch ein großer Teller mit selbstgebackenen Keksen. Wir setzen uns gemütlich hin, genossen die Ruhe, den schönen Raum mit den geschmackvollen Möbeln und Antiquitäten, während langsam draußen die Nacht heruntersank. Wir nahmen uns Zeit für unseren Tee und bald fand Anton eine Kiste gefüllt mit Spielzeug, das er nicht kannte. Susanna erzählte uns ein wenig über die Pension, die Insel und das Städtchen und nach unseren Plänen für den Abend. Wir hatten tatsächlich ein bestimmtes Restaurant in Gedanken, aber es stellte sich heraus, dass es schon für die Saison geschlossenen war. Aber in Ærøskøbing hat man eine Regelung, dass mindestens ein Restaurant zu allen Jahreszeiten für Gäste offen haben soll. Susanna rief beim "Det Lille Hotel“ an und bestellte im Restaurant einen Tisch für uns. Super, proaktiver und aufmerksamer Service!
 
Das Essen im "Det Lille Hotel" war sehr gut. Alexandra bestellte sich eine frischgefangene Scholle mit Kartoffeln, für mich wurde es ein klassisches dänisches Gericht, durchgebratener Schweinespeck mit Petersiliesosse. Damit bin ich aufgewachsen. Allerdings kann ich mich nicht erinnern, wann ich es zum letzten Mal gegessen habe. Zubereitet mit den besten und frischesten Zutaten und nach guter alter Tradition. 
 
Ærøskøbing ist zu dieser Jahreszeit, dass schönste, was man sich nur überhaupt vorstellen kann. In den verwinkelten Gässchen stehen denkmalgeschützte, alte Häuser aus den verschiedensten Jahrhunderten. Besonders bei einem frischen Herbstwetter, gegen Abend werden die Lichter in den Wohnzimmern angemacht und die alten Straßenlaternen leuchten in einem warmen Gelb. Es fällt einem leicht in Weihnachtsstimmung zu kommen. 
 
Nach dem Abendessen zurück in Vestergade 44 ist es Zeit für Anton ins Bett zu gehen. Wir sind an diesem Abend die einzigen Gäste und nutzen es um auf Entdeckungstour durch das Haus zu gehen und uns die anderen liebevoll eingerichteten Zimmer anzusehen. Wir stossen auf das Elfenbein, Gelbe, Grüne und natürlich auch unser eigenes Rotes Zimmer. Alle sind exklusiv und mit den Auge für Details eingerichtet. Mit viel Geschick und Gefühl für das kleinste Detail hat Susanna Greve alte Prachtstücke perfekt zusammengestellt. Oft war der Ausgangspunkt bei der Farbwahl ein Gemälde an der Wand. Dementsprechend wurden dann Gardinen, alte Lampen und Kronleuchter drapiert. Selbst die Steckdosen und Stromanschlüsse an der Decke für die Lampen sind im alten Stil. Hier wurde alles im alten Stil gelassen und gepflegt. Man fühlt sich ein bisschen privilegiert in so einer wunderschönen Umgebung übernachten zu dürfen. Es übersteigt alle Erwartungen, die man an ein Hotel hat, selbst an ein exklusives.

Nachdem Anton ins Bett gebracht worden ist und friedlich schlief, machten wir es uns bequem mit unseren Büchern. Wir beschlossen uns einen Bailey zu genehmigen und ich ging in das Wohnzimmer im Erdgeschoss, wo ich in einer Ecke eine kleine Bar mit allen möglichen Flaschen stehen sah. In ein Büchlein schreibt man nur seine Zimmernummer und was man genommen hat, dann kommt es automatisch auf die Endrechnung. Wie ich so da stand, blätterte ich das Gästebuch durch. Susanna wird von Gästen aus der ganzen Welt besucht. Ich bin auch neugierig, woher sie all diese Unikate hat und sie so schön zusammen gestellt hat. Sie erklärt mir, dass das meiste aus ihrem Elternhaus aus Surrey in England stammt. Nach dem Tode ihre Eltern ließ sie einen ganzen Container nach Ærøskøbing bringen. Die Schmuckstücke passen fantastisch in dieses Haus. Es erweckt den Eindruck, als wären sie schon immer hier gewesen. 
 
Ich nahm unsere "Night Caps", ein Bailey und Portwein, mit auf unser Zimmer. Dort lasen wir und genossen die Stille. Diese unglaubliche Stille, die nur von Antons ruhigen Atemzügen durchbrochen wurde. Es ist fantastisch! Ich kann mir gut vorstellen hier mehr Zeit zu verbringen. Zur Ruhe kommen und den Alltag mit seinem eigenen langsamen Rhythmus genießen. 
 
Am nächsten Morgen sind wir, wie immer, früh wach. Anton wacht normalerweise so gegen 6:30 Uhr auf und glücklicherweise hatte uns Susanna bereits gefragt, wann wir frühstücken wollten. Nach einigen Überlegungen einigten wir uns auf 7:30 Uhr. Ich selber fand es früh, wenn man bedenkt, dass es außerhalb der Saison und ein Wochenende ist. Für Susanna war das kein Problem und es stellte sich heraus, dass es die richtige Zeit war. Der Tisch war gedeckt und das Frühstück stand bereit. Kaffee und Tee, ganz nach Belieben und frisch gepresster Orangensaft. Warmes Brot und ein Teller mit Käse, Schinken und Salami. Dann gab es noch Joghurt und Müsli, eine Auswahl an Marmeladen und Honig. Für Antons Haferbrei noch eine kleine Schüssel mit frischen Blaubeeren. 

Nach dem Frühstück gingen wir in der morgenfrischen Luft spazieren, durch die mit Kopfsteinpflaster belegten Gässchen und Straßen, während die Stadt langsam aufwachte und die Sonne den Frost von den Dächern und Bäumen zum schmelzen brang. Man merkt, dass die Haupttouristen Saison vorbei ist! Die Straßen sind leer gefegt! Aber ich kann mir gut vorstellen, wie es zur Hauptsaison im Sommer aussehen kann. Auch wenn sich die Saison Ende August Anfang / September langsam dem Ende neigt, kann es ein idealer Zeitpunkt für einen Besuch sein. Aber so ein ruhiger Morgen, an dem nur die hier lebenden Einwohner unterwegs sind, hat auch seinen Charme. Wir kommen an vielen gemütlichen, aber leider jetzt geschlossenen Cafés, Restaurants und Eisdielen vorbei. Denen müssen wir einen Besuch zu einem anderen Zeitpunkt abstatten. Ich hege keinen Zweifel, dass Ærøskøbing ein Paradies im Sommer ist. Für die ganze Familie! Aber wenn man Ruhe und Zeit zum Nachdenken sucht, ist ein Aufenthalt außerhalb der Saison keine schlechte Idee. Es herrscht Ruhe und Gelassenheit und die vielen Gedanken können sich beruhigen. 

Eine der Hauptattraktionen sind die farbigen und verzierten Haustüren der vielen alten Häuser. Ich konnte nicht widerstehen und machte Fotos von den schönsten. Bei unserer Rückkehr in unsere Pension hörte ich, dass sogar eine mit Ochsenblut bemalt ist. Es wird weiterhin an dieser Tradition festgehalten. Aber anscheinend sind wir genau an dieser Tür nicht vorbeigegangen. Die müssen wir dann beim nächsten Mal finden! Wir sahen auch Häuser mit Moos auf den Dächern. Ein Beweis, dass die Häuser in Ærøskøbing schon einige Jahre auf dem Buckel haben und in Würde gealtert sind. 

Die Abfahrt unserer Fähre näherte sich und wir beeilten uns zu Vestergade 44 zurück zu kommen, um unser Gepäck zu holen und zur Anlegestelle zu gehen. Genau an diesem Tag wird die Fähre mit einer neue Farbschicht eingeweiht. Nun ähnelt die Fähre zwischen Ærø und Svendborg einem karibischen Luxusdampfer mit all den fröhlichen Farben. Das war bestimmt mit Absicht!
 
Wir sind froh, dass wir es endlich geschafft haben Ærøskøbing einen Besuch abzustatten. Es hat sich herausgestellt, dass es eine kleine idyllische Perle ist und wir werden garantiert zurückkehren. Ich träume jetzt schon davon in dem kleinen, schönen Garten in Vestergade 44 zu sitzen. Auf der Bank unter dem Baum, mit einem kühlen Glas Weisswein und einem guten Buch aus der gut gefühlten Bibliothek. 

/Anders


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